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Wolfgang Joop

┬╗Geld macht dich nur zum Freak┬ź

Auf der Pariser Fashion Week zeigt Wolfgang Joop an diesem Wochenende seine zweite neue Kollektion f├╝r Wunderkind. Im Interview mit mmo-Autorin Kerstin Walker spricht der Modesch├Âpfer von seiner Aversion gegen ma├člosen Konsum, glatte Architektur und die kommerzielle Pseudo-Avantgarde.

Potsdam - Auf dem Heiligen See in Potsdam kr├Ąuseln sich kleine Wellen. Die Terrassent├╝ren der wei├čen Joop-Villa sind weit ge├Âffnet. Wolfgang Joop ist noch am Morgen mit dem Fahrrad auf den Markt geradelt, um Schokoladentarte zum Tee zu kaufen.

mm: Herr Joop, noch vor gut einem Jahr schien Wunderkind am Ende. Jetzt stellen Sie Ihre zweite, neue Kollektion vor?

Joop: Wunderkind war ja nie tot, das habe ich immer klar gesagt. Es musste nur eine Zeit lang einen Schritt zur├╝ckgehen, um sich wieder auf seinen Ursprung zu besinnen.

mm: Sie trennten sich von ehemaligen Gesch├Ąftspartnern und erweckten dann ihre Modemarke mit mehreren Millionen Euro aus der eigenen Tasche wieder zum Leben.

Joop: Dieser Akt des Unternehmers, sich seine Marke zur├╝ckzuholen, ist f├╝r mich eine zentrale, wichtige Botschaft. Es war ein wahnsinnig emotionaler Kraftakt. Aber manchmal ist es doch so: man riskiert etwas, schaut sich anschlie├čend um - und sieht, es ist absolut nichts passiert.

mm: Wie man's nimmt. Schlie├člich entwerfen und produzieren Sie heute unabh├Ąngig, und nicht mehr unter dem Einfluss von Partnern oder Teilhabern. Ein gutes Gef├╝hl?

Joop: Es ist fantastisch. Ich glaube einfach, ich habe Talent und bin mit Wunderkind am Pulsschlag unserer sich ver├Ąndernden Welt. Ich beobachte dieses Bild einer sich ├╝berschlagenden Gesellschaft, die doch eigentlich blo├č konsumiert, in sich rein frisst und verdaut. Wir sind s├╝chtig nach Konsum. Als Folge davon werden wir zugeschmissen mit Produkten, die alle irgendwie austauschbar sind. Ich weigere mich, dieses Konsumverhalten, das uns einsaugt wie eine Sucht, zu bedienen. Wer sexs├╝chtig ist, hat Sex ja auch nicht begriffen. Mit Wunderkind will ich diesem Wahnsinn etwas entgegensetzen.

mm: Verraten Sie uns auch was?

Joop: Wenn ich entwerfe, verschwimmen die Begriffe von Kunst und von Mode. Das ist gewollt. Ich will die Leute ber├╝hren. Wunderkind ist eine tragbare Idee von Individualit├Ąt. F├╝r jeden von uns wird es doch immer unm├Âglicher, seine Einzigartigkeit auszudr├╝cken. Wir stehen alle unter diesem Zwang, individuell wirken zu m├╝ssen. Das bedingt eine Form von Konformismus.

mm: ... der in dem Ph├Ąnomen sichtbar wird, dass alle irgendwie ├Ąhnlich gestylt aussehen. Selbst Frauen und M├Ąnner, die vom finanziellen Hintergrund offensichtlich die M├Âglichkeit h├Ątten, sich durch einen ganz eigen- willigen Stil abzugrenzen?

Joop: Ja, genau. Ich glaube aber man will, ja, man muss ├╝ber diese Gleichf├Ârmigkeit zeigen, eine Art Verabredung getroffen zu haben. Gesellschaftlich ist das enorm wichtig. Zu wichtig, meiner Meinung nach. Mir fehlt dabei ein Gegenentwurf, ein Bruch. Wenn ich mir zum Beispiel Hamburg als Stadt ansehe, geht mir das genauso.


mm:
Irritiert Sie die Richtung, in die sich die Architektur in der Hansestadt bewegt?

Joop: Irritieren? Sie ist abweisend! Man f├╝hlt sich dort doch wie ein Lurch im Terrarium. Alles ist aus Glas, die Einkaufszentren, neuerdings der Hafen. Diese Patina, die ich an St. Pauli wirklich liebte, vermisse ich. Eine wilde Romantik, die es in der Hafenstra├če und auf dem Kiez mal gab, ist l├Ąngst nicht mehr zu sp├╝ren.

mm: Viele wollen diese glatte, gl├Ąserne ...

Joop: ... virtuelle Optik! Mir ist das zu arriviert und viel zu ┬źrich┬ź. Stars sehen mittlerweile ja auch alle gleich aus, sie sind inszeniert. Wenn man eine Lady Gaga auf dem Titel der amerikanischen Vogue sieht - ein reines Kunstprodukt. Man guckt es sich an und denkt ┬╗wer hat da die Mauern der Galerie weggerissen┬ź. Es ist nicht das Kommerzielle, was mich daran st├Ârt. Ein Designprodukt wie eine Kaffekanne von Philipp Starck, das die F├Ąhigkeit hat, sich multiplizieren zu lassen, um in viele Haushalte einzudringen, ist kommerziell - und genial.

mm: Als Designer f├╝r Joop! waren Sie ebenfalls erfolgreich, bis Sie vor mehr als einem Jahrzehnt alles verkauften. Warum?

Joop: Erfolg ist etwas lang Anhaltendes. Geld ist kein Erfolg, es macht dich nur zum Freak. F├╝r mich war die Richtungslosigkeit der verschiedenen Linien ein echtes Problem. Mehrere Macher pr├Ągten die unterschiedlichen Lizenzen, und das Design lag nicht ausschlie├člich in meiner Hand. Dabei h├Ątte ich mir durchaus vorstellen k├Ânnen, etwas so Kommerzielles wie Joop!-Tennisschl├Ąger oder Joop!-Luftmatratzen zu entwerfen, wenn alle Entw├╝rfe die gleiche Sprache gesprochen h├Ątten (lacht).

mm: Verk├Ârpert Wunderkind dieses nicht Austauschbare?

Joop: Ja. Eben weil Wunderkind keine Bedarfsmode ist. Wunderkind verk├Ârpert intellektuelle und emotionale Qualit├Ąten. Wobei manchmal vergessen wird, dass ich immer schon bildende Kunst gemacht habe. Im letzten Jahr zeigte ich Skulpturen und Bilder auf der Biennale in Venedig im Palazzo Bembo. Mit meinen Kleiderentw├╝rfen will ich wie mit meiner Kunst vordenken. Will Fragen beantworten, die mich besch├Ąftigen. Zum Beispiel die, wohin wir eigentlich entfliehen k├Ânnen. Dieses psychedelische Thema ist mir momentan sehr wichtig. Meine stoffliche Vision davon ist luftig und ganz leicht. Sie zeigt meine ganze Empfindlichkeit. Ein Gegenentwurf zu dem, was uns umgibt.

mm: Wie sieht die typische Wunderkindkreation aus der neuen Kollektion aus? Joop: Ach, kommen Sie doch einfach mal mit, dann zeige ich meine Stoffentw├╝rfe.

(Wolfgang Joop steigt in den ersten Stock der opulenten Villa, wo eins der G├Ąstezimmer liegt. Neben einem von Joop von Hand bemalten Paravant liegt ein M├Ąrchenbuch, ┬╗Der Froschk├Ânig┬ź. Einer der Stoffentw├╝rfe auf Leinwand, der neben dem Bett liegt, hei├čt Paradiso).

Joop: Die Namen meiner Entw├╝rfe dr├╝cken doch schon aus, was man sieht. Ein federleichtes Dessin, das wie ein Graffiti skizziert ist. Kleine, gefl├╝gelte Engelsfrauen und Affen wirbeln durcheinander und fangen bunte V├Âgel. Ein anderes wirkt durch sein Schmetterlingsmuster, f├╝r das wir noch im Sommer Kohlwei├člinge gefangen und auf den Fotokopierer gelegt haben - jetzt ist dieser h├╝bsche Sch├Ądling quasi zu einem Teil Couture geworden. In der neuen Kollektion tauchen Punkte neben floralen Elementen auf. Gerafftes und Gef├Ąlteltes wird zu maskulinen St├╝cken wie einem geraden, h├╝ftlang geschnittenen Blazer oder einer schmalen Hose gepatcht.

mm: Wie viel Avantgarde steckt denn heute ├╝berhaupt noch in der Mode?

Joop: Alle, die sich in der Mode avantgardistisch geb├Ąrden, sind Teil eines riesengro├čen Establishments. Eine Miuccia Prada, deren Show ich gesehen habe, und die immer sehr provokativ und plakativ arbeitet, zeigt in ihren L├Ąden sich selbst vermehrende Handtaschen! Wir sehen in den Gesch├Ąften gro├čer Designer wenig Mode, weil die blo├č noch dazu da ist, das Produkt Handtasche zu promoten. Das beantwortet Ihre Frage nach Avantgarde.

mm: Wie bewahren Sie sich Ihre Kreativit├Ąt?

Joop: Jeder kreative Mensch kommt nur ├╝ber den Anflug einer Depression zur Aktion. Ich glaube, ich w├╝rde diesen Druck nicht auf mich nehmen, wenn ich mich dadurch nicht immer wieder dem Leben n├Ąhern w├╝rde.

mm: Ist es sehr anstrengend, sich immer wieder neu zu erfinden?

Joop: Wahnsinnig. Aber wissen Sie, ganz ohne diesen Zwang in der Modewelt k├Ânnte ich nie leben. Mode fasziniert mich und ist ja auch wirtschaftlich interessant. Ein Kunstwerk entzieht sich dem Preisvergleich, wenn es Einmaligkeit darstellt. Das ist doch ein wunderbarer Ausweg in einer Welt, in der alles was heute modisch ist, im Vergleich steht. Allein dieses ├ťberangebot, das von Discounter-Ketten gestreut wird. Dort ist ein Teil f├╝r 25 Euro zu haben! Vielleicht wird uns genau das irgendwann zwingen, anders zu denken. Und ich hoffe: auch moralisch.

Dalmatiner Gretchen bellt und streicht dem Modesch├Âpfer um die Beine. Wolfgang Joop wirft der H├╝ndin einen halb verzehrten Apfel zu und steht auf, um Jacke und Sonnenbrille zu suchen. Er hat einen Friseurtermin und muss los, mit dem Rad. Wie sonst.

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Fotos: Wunderkind, Wolfgang Peichl f├╝r Wolfgang Joop