Zeit Magazin

Nationaltrainer Heiner Brand:

"Mein schlechtes Gewissen ist auch mein Antrieb"

Heiner Brand, Trainer der Handballnationalmannschaft der MĂ€nner, hofft, dass jeder handelt wie ein Teamplayer - stark fĂŒr sich und die Gemeinschaft.

Manchmal begegne ich im Traum meinem schlechten Gewissen. In diesen TrĂ€umen gehe ich wieder zur Schule. Ein schlechtes Gewissen habe ich, weil ich nicht vernĂŒnftig auf den Unterricht vorbereitet bin. Ich sitze in meinem alten Klassenzimmer im Jungengymnasium von Gummersbach, einem Raum mit buntem Glas in den Fenstern und alten Holztischen, die vollgeritzt sind mit SprĂŒchen und Namen. Von diesem Klassenzimmer aus habe ich die Straße im Blick und damit die SchĂŒlerinnen aus dem MĂ€dchengymnasium auf ihrem Heimweg.

Ich war hĂ€ufig genug nicht auf die Schule vorbereitet. Handball spielen war mir wichtiger. Als SiebenjĂ€hriger konnte ich, ohne zu stocken, sĂ€mtliche Bundesligaaufstellungen aufsagen oder die Ergebnisse der Olympischen Spiele in Rom . Nur wenn es um Schularbeiten ging, war da dieses stĂ€ndige schlechte Gewissen. Eigentlich bin ich nicht als TrĂ€umer bekannt, sondern als Realist. Ich stamme aus einer Handballerfamilie. Mein Vater machte den Sport in Gummersbach bekannt. Meine Ă€lteren BrĂŒder spielten sehr erfolgreich als Bundesliga- und Nationalspieler. Als kleiner Junge wusste ich: "Da willst du auch hinkommen." Um diesen Wunsch zu verwirklichen, setzte ich mir Ziele. Schritt fĂŒr Schritt habe ich sie verfolgt, seit ich sechs Jahre alt war. Man sagte: "Der Heiner hat Talent." Heute weiß ich, dass das nicht reicht. Um erfolgreich zu sein, muss man nicht nur gut sein. Eine gehörige Portion GlĂŒck gehört auch dazu.

Ob ich es mir ertrĂ€umt habe, Weltmeister zu werden, nicht nur als Spieler, sondern auch als Trainer? Nein. Aber darauf gehofft habe ich schon. Und der Realist in mir hat daran gearbeitet. Gewissenhaft, aber auch mit ganz viel Spaß. Mein Ziel war es, das eigene Spiel zu verbessern. Heute will ich mit der Mannschaft erfolgreich sein. Dabei begegne ich wieder meinem schlechten Gewissen. Es bewirkt, dass ich unbedingt vermeiden will, noch einmal schlecht vorbereitet zu sein. Steht ein wichtiges Spiel bevor, sehe ich mir nicht bloß ein paar Begegnungen von unseren gegnerischen Mannschaften an, sondern alle. Ich will nichts außer Acht lassen. Ich will mir nicht vorwerfen mĂŒssen, dass ich wieder mal meine Hausaufgaben nicht gemacht habe. Mein schlechtes Gewissen ist gleichzeitig mein Antrieb. Ich möchte zu einer besseren Gesellschaft beitragen. Weil es mir gut geht und ich davon etwas abgeben will. Ich bin Botschafter fĂŒr die Aktion Deutschland Hilft, ein BĂŒndnis von zehn Hilfsorganisationen, das mir gefĂ€llt, weil es als Team agiert. Wir haben zum Beispiel den Erdbebenopfern in Indonesien geholfen, die fĂŒnf Jahre zuvor den Tsunami ĂŒberlebt hatten.

Oft denke ich, dass der Handballsport nichts anderes ist als das wahre Leben. Jeder Einzelne darf fĂŒr sich stark und individuell sein, wenn er sich im entscheidenden Moment zurĂŒcknehmen kann. Wenn er sich darauf besinnt, ein Teamplayer zu sein.

Heiner Brand

58, ist Trainer der Handballnationalmannschaft der MĂ€nner – am 19. Januar 2011 beginnt die Europameisterschaft in Österreich. Heiner Brand gelang es, 1978 als Spieler und 2007 als Trainer Weltmeister zu werden

Online lesen: http://www.zeit.de/2010/03/Traum-Heiner-Brand

Foto: Thomas Rabsch