Brigitte Woman

Von Innen nach Außen

Was treibt mich an? Woher komme ich? Wer bin ich?
Die Antworten darauf versuchen fĂŒnf KĂŒnstlerinnen mit Hilfe ihrer Arbeiten zu finden. Sie stellen Fragen an ihre Herkunft, ihre Erinnerungen, ihre Weiblichkeit. Ihre Werke sind Fragmente aus der BeschĂ€ftigung mit der eigenen IdentitĂ€t

Mary Sibande, 30, Johannesburg

„Mein ein und alles war ein alter, gebrauchter Tuschkasten, den ich geschenkt bekam, als ich ein kleines MĂ€dchen war. Wir lebten damals in Barbaton, einem Township bei Johannesburg. Unser Zuhause war mehr Bretterhaufen als WellblechhĂŒtte. Ich bin bei meiner Mutter und meiner Großmutter aufgewachsen. Mit ihrem geringen Lohn als Arbeiterinnen versuchten sie uns Kinder durchzubringen. es gab nur das Allernötigste, aber die beiden Frauen ermöglichten es mir, zur Schule zu gehen. Der Kunstunterricht war nicht besonders anspruchsvoll, trotzdem habe ich wie beseelt gemalt, bin auf dem Papier durch meine Traumwelten gewandert.

WĂ€hrend ich meinen Schulabschluss machte, endete die Apartheid. ein doppelter Sieg, ein unbeschreibliches GefĂŒhl von Freiheit. Als erste Frau in meiner Familie durfte ich mich an der UniversitĂ€t einschreiben. eine riesige Chance.
Anders als Sophie. eine junge Frau schwarz, arm – und voller TrĂ€ume wie ich. Sophie ist meine Kunstfigur, mein Alter ego, das ich mir wĂ€hrend meines Kunststudiums in Johannesburg erschaffen habe. Sophie steht fĂŒr Generationen von Frauen, die zur Zeit der Apartheid in ihrem Arbeiterdasein gefangen waren – wie so viele schwarze Frauen in diesem Land. Wie meine Mutter und meine Großmutter. Sophie trĂ€gt Königsblau, die Farbe der BlaumĂ€nner. Dieses KleidungsstĂŒck ist eine Uniform. Es wird weltweit von Handlangern getragen, die einfache, aber knallharte Jobs machen. Ich lasse Sophie von einer besseren Zukunft trĂ€umen. Ihre Augen sind geschlossen. Und statt eines Blaumanns trĂ€gt sie viktorianische Roben. Meine Bilder feiern die Arbeiterin Sophie als Königin, weil sie sich nicht unterkriegen lĂ€sst, weil sie trĂ€umt, weil sie kĂ€mpft, obwohl sie keine Wahl hat. Meinen Traum habe ich verwirklicht, weil ich die Wahl hatte. Das wĂŒnsche ich jeder Frau.“

Rosa Loy, 52, Leipzig

„Jede von uns ist MĂ€dchen, Mutter, KĂ€mpferin, Arbeiterin, Prostituierte und Politikerin. Indem ich diese Frauen male, unterstĂŒtze ich sie. Ich komme aus einer kinderreichen Familie. Dort agieren meistens starke weibliche Persönlichkeiten. Meine Großmutter schuftete auf einem Bauernhof und kĂŒmmerte sich um ihren elfköpfigen Nachwuchs. Meine Mutter trat in die gleichen Fußstapfen. Sie bekam drei Kinder, beendete ihr Studium und arbeitete. Die Zeit reichte hinten und vorne nicht. Das Feminine, Weiche blieb auf der Strecke. Mir fiel das erst viel spĂ€ter auf. Die Gleichberechtigung war fĂŒr uns im Osten so selbstverstĂ€ndlich, dass ich kaum bemerkte, wo ein Mangel entstand. Als das System zusammenbrach, gab es plötzlich Pornos. Frauen zeigten ihre Weiblichkeit, schrill und ordinĂ€r. Wir Frauen waren spĂŒrbar gespalten. Der Alltag blieb eine Herausforderung, bloß die Vorzeichen Ă€nderten sich: Plötzlich sollte ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich arbeitete und meinen Sohn in die Krippe gab. Wir kannten es aber nicht anders. Gleichzeitig wurde erwartet, dass wir im Beruf bestehen. NatĂŒrlich unbedingt, ohne dabei unsere reizvolle Seite zu vernachlĂ€ssigen. Die unterschiedlichen Rollenentwicklungen unserer Zeit spĂŒrte ich am eigenen Leib. Dieses WidersprĂŒchliche am Frausein spiegelt sich in meinen Bildern.“

Chiharu Shiota, 39, Osaka – Berlin

„Ich spĂŒre Erinnerungen auf. Starke GefĂŒhle, die ich mit Hilfe von FĂ€den im Raum aufzeichne. Zum ersten Mal verarbeitete ich ein Kindheitserlebnis auf diese Weise. eines Nachts brannte das Haus der Nachbarn völlig aus. Als wir aufwachten, war es zu spĂ€t. Das Haus war nicht zu retten. Am nĂ€chsten Morgen trösteten wir die heimatlos gewordenen Bewohner und blickten auf die verbrannten Reste ihres völlig entstellten FlĂŒ- gels. In den darauf folgenden NĂ€chten spielte ich immer wieder auf dem Klavier meiner Eltern. Es war, als mĂŒsste ich mit meinem Spiel sicherstellen, dass es so etwas wie Klang noch gab. Ich wollte die Verlorenheit und Heimatlosigkeit, die ich fĂŒhlte, ĂŒbertönen. Jahre spĂ€ter entstand das Werk eines Klaviers, das ich in schwarze WollfĂ€den eingesponnen habe. FĂ€den fĂŒgen Vergangenes und Zerstörtes zusammen.

In „Under the skin“ installierte ich Kleider, die wie HĂ€ute in den Raum gespannt werden. Sie zeigen unsere feminine, weiche Seite. FĂŒr mich ist Haut ein Schutzraum, der unsere Weiblichkeit umhĂŒllt. Meine Haut weiß mehr von mir als ich selbst. In unserem Körper steckt mehr als das, worauf das Bewusstsein Zugriff hat. WollfĂ€den sind wie Beziehungen. Aber sie können auch mit nur einem einzigen Schnitt durchtrennt werden.“

Inna Artemova, 39, Moskau – Berlin

„Die HĂ€lfte meines Lebens verbrachte ich in Moskau, unter dem Einfluss des Kommunismus. Meine Eltern, mein Bruder und ich teilten 28 Quadratmeter in einem Haus, das wir Chruschtschow-GebĂ€ude nannten. Unsere winzige Wohnung war einfach, und wir hatten wenig Geld. Aber ich war glĂŒcklich. Weil sich meine Eltern liebten, war unser Zusammenleben trotz des engen Raums sehr harmonisch. In den 80ern kam ich als Studentin ans Moskauer Institut fĂŒr Architektur. Wir entwickelten Modelle fĂŒr Atomreaktoren und fĂŒr Fabriken, immer mit hohem kĂŒnstlerischem Anspruch. Nach dem Studium fand ich keinen Job und bemalte eine Zeit lang Matruschkas, um nicht zu verhungern.

Ich ging nach Deutschland, lernte meinen Mann kennen und bekam eine Tochter. Das war der Wendepunkt, an dem ich spĂŒrte: Unsere Gesellschaft in Russland funktioniert anders. In Russland dominieren Frauen die Familie. Sie sind fĂŒreinander da und halten alles zusammen. Weil aber meine Mutter in Moskau blieb, musste ich die schwierige Anfangszeit mit meiner kleinen Tochter alleine meistern. Meine Schwiegermutter sagte: „Nennt mich nicht Oma.“ Und gab uns deutlich zu verstehen, dass sie auch nicht als helfende Großmutter zur VerfĂŒgung stehen wĂŒrde.

Die Mutter bei sich zu haben ist fĂŒr mich die beste Garantie, dass die Familie funktioniert. Sie ist das Herz, das Zentrum. In meinen Bildern spiegelt sich eine gewisse Verlorenheit. Ich projiziere meist junge Frauen in Kompositionen aus sowjetischer Architektur. Verfallene Fabriken, leer stehende HĂ€user oder verlassene SchwimmbĂ€der. In diesen GebĂ€uden agieren Frauen. Noch sind sie unwissend, stehen am Anfang ihres Lebens und ahnen nicht, was sie erwartet. So wie es mir nach der Schule ging, nach dem Studium, als die Zukunft fĂŒr mich das große Ungewisse war, aufregend und bedrohlich zugleich, als ich mich fragte: Wie bestehe ich als Frau in dieser Gesellschaft? Meine Bilder sind kurze RĂŒckblenden, Flashbacks. Die brauchten einen Auslöser, genauso wie eine erinnerung. Dann nimmt einen das Bild mit auf eine Zeitreise.“

Kiki Smith, 56, New York

„Meine Kunst hat sich von innen nach außen entwickelt: Ich fing mit dem Malen von Zellen an, dann beschĂ€ftigte ich mich mit den Organen und den grĂ¶ĂŸeren Systemen im Körper. Schließlich bin ich aus dem Körper herausgegangen in die Welt. Es verlief wie die Entwicklung eines Heranwachsenden: Man beginnt damit, in sich etwas zu entdecken, wĂ€chst und schaut dann, was draußen los ist. Zuerst entdeckte ich mich selbst, dann wurde ich erwachsen und begann nachzuschauen, was in der Welt vor sich ging. Ich glaube, wĂ€re meine Kind-heit anders verlaufen – ich wĂ€re keine KĂŒnstlerin. In meinem Elternhaus lebte ich wie in einer Kunst-Installation. Mein Vater war Bildhauer, meine Mutter OpernsĂ€ngerin. Von Geburt an atmete ich Kunst. Ich liebte es, meinem Vater bei seinen Pappmodellen zu helfen. Manchmal saß ich stundenlang mit ihm und seinen KĂŒnstlerfreunden zusammen. Der Tod meines Vaters 1980 leitete meine Geburt als KĂŒnstlerin ein. Ich war von Neugier getrieben. Wollte erfahren, woraus unser Körper, woraus wir Menschen bestehen. Ich machte eine Ausbildung zur Rettungsassistentin in New York City. Eine harte Zeit. Das Erlebte floss in meine Kunstwerke ein.

Ich fertigte Skulpturen, denen ich den Ruf der feministischen KĂŒnstlerin verdanke. Eierstöcke aus Bronze, Frauenfiguren, die auf allen Vieren krochen und meterlange Kotschlangen herausquetschten. Die gehĂ€utete Madonna, die unsere Weiblichkeit zeigt, wie sie entblĂ¶ĂŸt, verletzt wurde. Bis ich 40 war, habe ich Kunst quasi erbrochen! FrĂŒher stellte ich mir vor, gleichzeitig Monster und Monstermacher zu sein. Heute zeige ich die hellen und heilen Seiten der Schöpfung. Ich habe immer versucht, mich an das zu halten, was mich tief berĂŒhrt. In manchen Momenten ist es aber riskant zu zeigen, was einen leidenschaftlich bewegt.“

Foto: Mary Sibande Johannesburg